Lettland Im 1940

In den Jahren der Weltwirtschaftskrise (1929—1933) wurden die politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen der Bourgeoisie Lettlands wesentlich geschwächt. Die gegen die Werktätigen gerichtete Offensive des Kapitals führte zu einer Verschärfung des Klassenkampfes und zu einem Anwachsen der revolutionären Bewegung. Die Instabilität der Herrschaft der Bourgeoisie Lettlands wurde auch durch den Umstand gefördert, daß in den Krisen jähren der Prozeß der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus in allen kapitalistischen Ländern zurückging, während die revolutionäre Bewegung des Proletariats im Wachsen begriffen war. Gleichzeitig wuchs in schnellem Tempo die ökonomische un politische Macht der UdSSR, was einen revolutionierenden Einfluß auf die Werktätigen der kapitalistischen Lander hatte. Unter diesen Verhältnissen sah sich die Bourgeoisie in Lettland veranlaßt, eine faschistische Diktatur zu errichten. Unter dem Joch des Faschismus hatte nicht allein die Arbeiterklasse, sondern die überwiegende Mehrheit des Volkes zu leiden. Die mittleren Bevölkerungsschichten waren unter den Bedingungen der faschistischen Diktatur politisch rechtlos, und ihre wirtschaftliche Lage verschlechterte sich immer mehr. Weder Terror noch Repressalien konnten die Bourgeoisie Lettlands vor der anwachsenden antifaschistischen Bewegung retten. Der Faschismus war nicht imstande, die revolutionäre Bewegung zu unterdrücken; im Gegenfeil, er verschärfte die Klassengegensätze und den Klassenkampf noch mehr.

Somit führte die gesamte historische Entwicklung des bürgerlichen lettländischen Staates mit unvermeidlicher Gesetzmäßigkeit zur sozialistischen Revolution; sie war der einzige Ausweg aus der drohenden nationalen Katastrophe. Im Herbst 1939 begann in Lettland eine revolutionäre Situation heranzureifen.

Unter den schweren Bedingungen des im Lande bestehenden Terrorregimes stellte sich die Kommunistische Partei Lettlands die Aufgabe, alle fortschrittlichen und demokratischen Kräfte des Volkes zu einer antifaschistischen Volksfront zu vereinigen, die als entscheidende Kraft den Sturz der faschistischen Diktatur herbeiführen sollte. Wie die „Cīņa", das Zentralorgan der KP Lettlands, bereits im Jahre 1937 schrieb, hatte die Idee der proletarischen Einheitsfront "für alle zu politischer Aktivität erwachten und zum Kampf gegen die faschistische Ulmanis-Barbarei bereiten Schichten des werktätigen Volkes eine große Anziehungskraft".
Bei der Gründung der proletarisch-antifaschistischen Einheitsfront im Jahre 1934 wurde eine Vereinbarung über die Aktionseinheit beider illegalen Arbeiterparteien — der Kommunistischen Partei Lettlands (KPL) und der Sozialistischen Arbeiter- und Bauernpartei Lettlands (SABPL) getroffen. Zwei Jahre später vereinigten sich die Jugendorganisationen beider Parteien — der Kommunistische und der Sozialistische Jugendverband zu einer einheitlichen Organisation, dem Arbeiterjugendverband Lettlands (AJVL).

Wie die Kommunistische Partei in ihren illegalen Druckschriften, insbesondere in den programmatischen Aufrufen „Lettland darf nicht Hitler ausgeliefert werden!" (Juli 1938) und „Für Freiheit und nationale Unabhängigkeit!" (März 1939) betonte, war die werktätige Bauernschaff der Hauptverbündete des Proletariats im Kampf gegen den Faschismus, für die Freiheit, die demokratische Entwicklung und nationale Unabhängigkeit Lettlands. Die Grundlage dieses Bündnisses bildeten die gemeinsamen Lebensinteressen der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft, ihre Forderung nach einer Verbesserung ihren wirtschaftlichen und politischen Lage, die nur durch den Sturz des faschistischen Regimes erreicht werden konnte.

Unter der faschistischen Diktatur, als die bürgerliche Bodenreform sich dem Abschluß näherte, vollzogen sich innerhalb der Bauernschaft Lettlands tiefgreifende Wandlungen. Der Differenzierungsprozeß auf dem Lande — die Pauperisierung des größten Teils der werktätigen Bauernschaft (des ländlichen Proletariats und Halbproletariats, der Kleinbauern) bei gleichzeitiger Bereicherung der Großbauern — hatte eine revolutionierende Wirkung auf die werktätigen bäuerlichen Massen. Bedeutende Veränderungen gingen auch in der Arbeiterschaft vor sich. Der von der KPL unablässig geführte Kampf gegen die Spaltung der Arbeiterklasse, für die Aktionseinheit beider Arbeiterparteien wurde von Erfolg gekrönt. Die KPL wurde zur organisierenden und führenden Kraft der proletarischen Einheitsfront, zum anerkannten Führer der Arbeiterklasse Lettlands.

Im Februar 1939 fand die XXVI. Konferenz der KPL statt, die in der Geschichte der revolutionären Bewegung Lettlands eine große Bedeutung hat. In ihrer Entschließung zur politischen Lage stellten die Konferenzteilnehmer fest, daß eine revolutionäre Situation heranreife, die herrschenden Klassen nicht imstande seien, die mächtig wachsende antifaschistische Massenbewegung zu unterdrücken, und die Voraussetzungen zur Bildung einer Volksfrontregierung gegeben seien. Der Vereinbarung zwischen der KPL und der SABPL gemäß wurden Entwürfe für eine Deklaration und für eine politische Plattform der Volksfront Lettlands ausgearbeitet, in denen die politischen und wirtschaftlichen Hauptaufgaben der Volksregierung nach dem Sturz des Faschismus formuliert waren. Die Volksregierung sollte den Bürgern Lettlands demokratische Freiheiten — Rede-, Organisations-, Versammlungs-, Streik-, Presse- und Glaubensfreiheit sichern, die politischen Häftlinge befreien, gleiche und direkte Parlamentswahlen mit geheimer Abstimmung ausschreiben, eine neue Staatsverfassung ausarbeiten. Weitere politische Aufgaben waren die Schaffung einer Volksmiliz zum Schutz der demokratischen Ordnung, die Bildung einer Volksarmee, die im Falle eines feindlichen Angriffs gemeinsam mit der Roten Armee den Staat verteidigen sollte, die Demokratisierung des Staatsapparats u. a. m.

Auf wirtschaftlichem Gebiet war in der Volksfrontplattform vorgesehen, die Arbeitslosigkeit restlos zu beseitigen, die Löhne der Arbeiter und Angestellten zu erhöhen, die materielle Lage aller Werktätigen zu verbessern, eine soziale Altersfürsorge einzuführen, den Arbeitstag der Landarbeiter zu normieren, in allen Betrieben den Achtstundenarbeitstag und für alle Werktätigen einen zwei- bis vierwöchigen Jahresurlaub einzuführen.

Die landlosen und landarmen Bauern sollten Grund und Boden aus dem staatlichen Bodenfonds bzw. aus den bei den Großbauern zu konfiszierenden Ländereien erhalten. Die den Großbauernwirtschaften zur Nutzung zu belassenden Grundstücke sollten nicht über 30 Hektar groß sein. Es war vorgesehen, die Schulden der werktätigen Bauern zu annullieren und ihnen Kredite zu gewähren.
Auf kulturellem Gebiet sollten alle Hindernisse beseitigt werden, die Arbeiter- und Bauernkindern den Schulbesuch erschwerten. Der Schulunterricht sollte unentgeltlich sein und den Studenten weitgehend Stipendien erteilt werden; die Hochschule sollte demokratisiert werden und die Kultur- und Kunststätten staatliche Unterstützung erhalten. In der Volksfrontplattform wurde die nationale Gleichberechtigung der Einwohner Lettlands deklariert; jede Volksgruppe sollte im Schulunterricht, im Theaterwesen, in der Presse, bei Versammlungen usw. ihre Muttersprache benutzen können.

Die Hauptthesen der Volksfrontplattform wurden später dem Aktionsprogramm der am 20. Juni 1940 gebildeten demokratischen Volksregierung zugrunde gelegt.

Der Kämpf der Kommunistischen Parte« Lettlands gegen den Faschismus entsprach dem Unabhängigkeitswillen und dem Friedensstreben der Werktätigen. Die KPL entfaltete eine umfassende propagandistische und organisatorische Tätigkeit. In ihren Flugschriften rief sie die Werktätigen Lettlands auf: „Organisiert euch, bildet Volksfrontgruppen und Volksfrontkomitees! Verbreitet unter den Massen die Forderungen der Volksfront, erläutert ihre Ziele und Aufgaben! Kämpft gegen die verräterische Ulmanis-Regierung, gegen die drohende faschistische Invasion, für eine revolutionäre Volksregierung, für ein freies, demokratisches Lettland!"
In den Industriebetrieben Rigas und anderer Städte organisierte die KPL kurze Meetings, in denen die Kommunisten den Werktätigen die Beschlüsse der XXVI. Konferenz der KPL und die Aufgaben der Arbeiterklasse erläuterten. Die Flugblätter und Aufrufe der Volksfront wurden in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet.

Die Losungen der Kommunistischen Partei fanden bei den Volksmassen breiten Widerhall. „Ungeachtet des von der faschistischen Reaktion entfesselten Terrors", schrieb die „Cīna" im Jahre 1940, „setzte die Arbeiterschaft Lettlands auch während der gesamten Herrschaftsperiode des Faschismus heldenmütig den Kampf für ihre Rechte, den Kampf gegen den Faschismus fort... Besonders umfassend und aktiv wurde die Bewegung Ende 1939. Das Eis war gebrochen, und die Unruhen griffen trotz aller polizeilischen Repressalien um sich."

Durch den Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurden die Positionen des Imperialismus in Lettland geschwächt. Unter dem Einfluß der Volksfrontbewegung und dem Druck der Massen war die Regierung gezwungen, am 5. Oktober 1939 mit der Sowjetunion einen Vertrag über gegenseitige Hilfe abzuschließen. Er bedeutete für Lettland eine Sicherung vor der imperialistischen Aggression und vor einer Intervention der imperialistischen Großmächte im Falle eines offenen Auftretens der Massen gegen die herrschende bürgerliche Clique. Die innen- und außenpolitische Lage einschätzend, stellte das Zentralkomitee der LKP fest, daß in Lettland eine revolutionäre Situation im Entstehen begriffen sei. Davon zeugten die immer häufiger werdenden .offenen Aktionen der Arbeiterklasse, die Unzufriedenheit der werktätigen Bauernschaft und die wachsende Sympathie der werktätigen Massen für die Sowjetunion.
Am 8. Oktober 1939 fand eine Sitzung des ZK der KPL statt, in der beschlossen wurde, alle in der antifaschistischen Einheitsfront vereinigten Kräfte zum Kampf für den baldigen Sturz der faschistischen Regierung zu mobilisieren. Die Kernidee dieser Entschließung kam im Aufruf „Nieder mit der Ulmanis-Regierung, für eine gewählte Volksvertretung!" sowie in anderen Veröffentlichungen der illegalen Parteipresse zum Ausdruck.

In ihren Bemühungen um die Bildung und Festigung der antifaschistischen Volksfront entfaltete die Kommunistische Partei Lettlands eine rastlose organisatorische Tätigkeit. Auf die vom VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale gegebenen Richtlinien gestützt, entwickelte die Kommunistische Partei unter Berücksichtigung der Gruppierung der j Klassenkräfte in Lettland einen Plan für die Durchführung der sozialistischen Revolution; seine Grundzüge waren in der Entschließung der Plenarsitzung des ZK der KPL vom 3. März 1940 „Ober die Einheitsfront der Arbeiterklasse" enthalten.

Die Entschließung basierte, auf der konkreten historischen Situation in und außerhalb Lettlands. Die imperialistischen Großmächte Westeuropas waren in den zweiten Weltkrieg verstrickt. Die in Lettland stationierten Sowjettruppen boten Sicherheit vor einer imperialistischen Intervention. Trotz verstärkter Repressalien und Terrormaßnahmen wurde die antifaschistische Volksfrontbewegung immer aktiver. Die steigende Entrüstung der werktätigen Massen über die volksfeindliche Politik der faschistischen Regierung äußerte sich in politischen Aktionen des lettischen Proletariats am 1. Mai 1940. Im Zusammenhang mit diesen gegen die faschistische Diktatur gerichteten Aktionen schrieb die kommunistische Presse mit vorausschauendem Weitblick: „Man braucht kein Optimist zu sein, um vorauszusehen, daß die Werktätigen Lettlands im nächsten Jahr den 1. Mai in einer demokratischen Republik mit Demonstrationszügen unter roten Fahnen begehen und in den Ruf des gesamten Proletariats einstimmen werden: „Nieder mit dem imperialistischen Krieg! Es lebe die Weltrevolution! Es lebe der Sozialismus! Es lebe der 1. Mai!"

Einige Vertreter der herrschenden Kreise Lettlands versuchten, das volksfeindliche Regime durch Einführung einer neuen Verfassung und durch Veränderungen des personellen Bestandes der Ulmanis-Regierung zu retten. Der Versuch, die Krise der herrschenden Klasse auf solche Art zu lösen, rief eine noch größere Empörung der Volksmassen hervor und verschärfte die revolutionäre Situation noch mehr. Sie war hervorgerufen durch die Unzufriedenheit der Volksmassen angesichts ihrer sich ständig verschlechternden wirtschaftlichen Lage, den vom faschistischen Regime gegen die fortschrittlichen Kräfte entfesselten Terror, die Gefahr einer Invasion Hitlerdeutschlands und die antisowjetischen Provokationen der herrschenden faschistischen Clique. Die Krise erreichte ihren Höhepunkt, als die Sowjetregierung am 16. Juni 1940 die Forderung erhob, es solle eine Regierung gebildet werden, die gewillt und imstande sei, den Vertrag über gegenseifige Hilfe ehrlich zu erfüllen. Unter der Leitung der Kommunistischen Partei Lettlands entfaltete sich der Kampf der werktätigen Massen für die Bildung einer Volksfrontregierung.

Am 20. Juni 1940 wurde in Lettland eine Volksregierung gebildet. Der Sturz des faschistischen Regimes und die Bildung der Volksregierung bedeutete den Beginn einer sozialistischen Revolution, die sich in den folgenden Monaten entfaltete.
Der Sieg der Sowjetmacht in Lettland im Jahre 1940 war ein Triumph der Ideen der Großen sozialistischen Oktoberrevolution, ein gesetzmäßiges Ergebnis der gesamten vorhergehenden historischen Entwicklung, vorbereitet durch den Kampf der Werktätigen gegen ihre Ausbeuter.

Die sozialistische Revolution von 1940 in Lettland war, ebenso wie diejenige in Estland und Litauen, eine der ersten, in denen das Proletariat den Sieg über die Bourgeoisie ohne bewaffneten Kampf und Bürgerkrieg errang. Dieser der Form nach friedliche Prozeß war seinem Wesen nach zutiefst revolutionär; sein Ergebnis war die Errichtung der Diktatur des Proletariats.
Die Sowjetmacht den Völkern des Baltikums den Weg zu einer lichten Zukunft, sicherte ihnen wahre Unabhängigkeit und gewährleistete einen bedeutenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Im brüderlichen Bunde der Sowjetvölker wirkt das lettische Volk, ebenso wie die anderen Völker des Sowjetbaltikums, erfolgreich für den Aufbau des Kommunismus.

A. DRIZULIS
Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Lettischen SSR
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